Montag, 17. September 2007

Bilder aus dem Sudan

Liebe Freunde,
unter http://picasaweb.google.de/Dr.med.KlausEckert/
VortragRotary

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Dienstag, 7. August 2007

Fazit meiner Erfahrungen nach vier Monaten im Sudan

Liebe Freunde,

folgenden Artikel versuchte ich in diversen Zeitungen zu veröffentlichen. Leider kam ich etwas zu spät, und das Thema Entwicklungshilfe im Zusammenhang mit Afrika ist nicht mehr aktuell. Letztendlich wird die Zukunft zeigen, in wie weit die finanziellen Zusagen auch eingehalten werden oder ob sie nur Lippenbekenntisse von populistischen Politern waren. So stelle ich den Artikel nun in meinen Blog. Es ist mein Fazit nach zehn Jahren Arbeit in Dritt-Welt-Ländern und ersten Erfahrungen mit Afrika. Ich gebe nicht auf, sehe aber meine Arbeit sehr viel kritischer als zuvor.


Durch den G8 Gipfel in Heiligendamm rückte Afrika wieder einmal in den Blickpunkt des öffentlichen Interesses. Politiker feilschten um Geld, das man den Regierungen afrikanischer Staaten für sogenannte Entwicklungshilfe zur Verfügung stellen will. Globalisierungsgegner, Künstler, Kirchen und nichtstaatliche humanitäre Organisationen (NGO´s) forderten eine Unterstützung für die Not leidenden Menschen des schwarzen Kontinents.

Die Frage ist: Welche Menschen leiden? Und sind es tatsächlich die bedürftigen Afrikaner, die unsere Unterstützung am Ende erreicht? Denken wir auch bis ins Letzte über die Auswirkungen unserer Hilfen nach - oder wollen wir mit einer finanziellen Spende nur unser Gewissen beruhigen? Sind die politisch Verantwortlichen überhaupt am Schicksal dieses Kontinents interessiert - oder sind nicht eher die wirtschaftlichen Erwägungen und Vorteile, die mit Entwicklungshilfe verbunden sind, ausschlaggebend für unsere Großzügigkeit?

Als Arzt habe ich vier Monate für eine regierungsunabhängige deutsche Organisation in den Nuba-Bergen des Sudan gearbeitet und dort vielfältige Erfahrungen mit UN- Organisationen, privaten humanitären Organisationen unterschiedlicher Nationen, Kirchen aller Konfessionen und den staatlichen Regierungsstellen gemacht. Das Erfahrene hat mich sehr nachdenklich werden lassen. In dieser Zeit habe ich reichliche Erfahrungen mit dem System der Entwicklungshilfe machen können. Diese Erlebnisse haben zu einer radikalen Veränderung meiner Ansichten geführt

Mittlerweile lehne ich eine uneingeschränkte Hilfe für Afrika ab und vertrete den Standpunkt, dass wir Nichtafrikaner uns weitestgehend zurückziehen und den Afrikanern die Selbstständigkeit zubilligen sollten, die ihnen zusteht. Ich finde, wir benehmen uns immer noch wie Eltern, die ihre Kinder nicht erwachsen werden lassen wollen, weil sie fürchten, damit ihren Einfluss zu verlieren. Genau wie jene Eltern beklagen wir uns aber über die Unselbstständigkeit der Kinder, obwohl diese durch unser eigenes Verhalten begünstigt wird. Gleichzeitig nehmen wir ihnen aber weiterhin die Möglichkeit eigene Initiative zu entwickeln, die man doch notwendig braucht, um Erfahrungen zu sammeln und wundern uns, dass kaum ein Kind freiwillig das „Hotel Mama“ verlässt.

Unsere einfache Klinik wird täglich von bis zu 200 Menschen besucht. Alle medizinischen Leistungen gibt es zum Nulltarif. Das klingt gut, erweist sich in der Praxis aber nicht immer als sinnvoll. Denn es hat zu einem „Medizintourismus“ geführt, bei dem Menschen in die Nuba-Berge kommen, um dort vor allem Medikamente einzufordern. Ob diese nützlich oder gar notwendig sind, ist den vielfach ungebildeten „Patienten“ egal. Sie betrachten die Forderung nach Medizin als ihr Recht und bestehen mit allen Mitteln darauf.

Das Militär benutzt uns als Militärkrankenhaus und verlangt eine Sonderbehandlung, ohne auch nur einen Cent dafür zahlen zu wollen, obwohl es inzwischen eine verlässliche Einnahmequelle durch Ölfunde im Südsudan gibt, von denen vor allem das Militär profitiert. Dieses ist auch an den neuen Waffen und dem klimatisierten Geländewagen der Kommandanten abzulesen, sowie am Sold der Soldaten.

Warum sollen deutsche Spendengelder für die medizinische Versorgung des Militärs und unnütz verordnete Medizin ausgegeben werden? Offenbar, weil sich die Empfänger keine Gedanken darüber machen, was wir für die sudanesische Bevölkerung erreichen wollen und warum wir überhaupt an diesem Ort sind. Niemand - weder Offizielle noch Militärs noch einfache Patienten - haben mir jemals eine Frage über unsere Organisation oder zu meiner Motivation gestellt. Es gibt uns, und man nimmt, was man bekommen kann.

Die lokale sudanesische Gesundheitsbehörde verhält sich nicht anders und unternimmt keinerlei Anstrengungen, um ein eigenes System aufzubauen. Die Deutschen werden gelobt und immer wieder aufgefordert ihre Bemühungen zu intensivieren. Man hat sogar versucht unsere Klinik als HIV/AIDS- Behandlungszentrum bei der WHO zu melden, da man vom großen Kuchen des Global Fund auch etwas abbekommen möchte. Der Global Fund stellt dem Sudan 28,5 Millionen Dollar jährlich für die Bekämpfung von HIV/AIDS zur Verfügung. Ich als Experte sollte die Sache in eine Form gießen, die Statistiken fälschen (!) und die Erfolge dann den Geldgebern mitteilen. Die Qualität der Arbeit war den Verantwortlichen völlig gleichgültig. Den räumlichen und personellen Aufwand sollte unsere Organisation selbstredend aus eigener Tasche zahlen. Die Politiker des Landes wollten die Lorbeeren und das Geld einheimsen, die Ausländer sollten die Arbeit verrichten. Mein Angebot, als Berater tätig zu werden, wurde abgelehnt. Daher gibt es bis heute keine Möglichkeit der AIDS-Beratung und -Therapie in den Nuba-Bergen.

Dann sind da noch UNO und WHO als die größten Organisationen in den Nuba-Bergen. Sie haben das meiste Geld und sind am besten ausgerüstet. Und sie verderben das Selbstwertgefühl der Sudanesen am nachhaltigsten, weil sie ihnen vorführen, wie man in der „zivilisierten Welt“ lebt. Zum einen gibt es die gut ausgebildeten, hoch bezahlten Mitarbeiter aus den westlichen Ländern, die Schlüsselpositionen besetzen und viele Ideen haben. Es sind oftmals Ideen, die das Planungsstadium nicht überleben.

Auf der anderen Seite gibt es die Mitarbeiter für das Grobe aus Drittwelt- oder Schwellenländern. Polizisten aus Ländern, die es selbst nicht immer so genau mit demokratischen Richtlinien nehmen, bilden sudanesische Polizisten aus. Genauso fragwürdig wie die Rolle der Ausbilder ist die der Auszubildenden. Denn nur Sudanesen, die über „Vitamin B“ verfügen, kommen in solch einen Ausbildungskursus. Dabei ist es völlig gleichgültig, ob sie lesen oder schreiben können. Daher sehen die internationalen Ausbilder in ihrer Arbeit wenig Sinn und erwarten keine spürbaren Erfolge. Sie reden häufig abfällig über die Auszubildenden und lassen sie ihren Unmut spüren. Sie sind wegen des hohen Gehalts in den Sudan gekommen und machen ihren Job - mehr nicht.

Ähnlich ist es bei den 50 Blauhelmsoldaten in unserem Distrikt, die gelangweilt in einem Zeltcamp sitzen und auf ihre Ablösung in einem Jahr warten. Sie sollen Frieden sichern, haben aber keine klaren Vorstellungen, wie. Stromgeneratoren rattern rund um die Uhr, damit die Klimaaggregate und das Kabelfernsehen funktionieren. Ihr Hightech-Ambulanzauto steht auf einer Betonplattform. Es würde keine 200 m auf der Sandpiste überleben. Der ägyptische Kollege ist nicht in der Lage das englische Handbuch der Mini-Intensivstation zu lesen. Gerne wüsste ich, welche Tageskosten so eine Einheit verschlingt...

Die besser besoldeten Mitarbeiter der WHO schreiben viele Entwürfe zu unterschiedlichen Problemen und bieten Lösungsvorschläge an. Sie selbst müssen diese allerdings nicht umsetzen. So ist es kein Wunder, dass die Vorschläge manchmal nicht mehr wert sind als das Papier, auf dem sie stehen.
Wenn ich als Arzt praktische Hilfe anforderte, ging meine Bitte im Kompetenzwirrwarr der Organisation unter - und letztlich geschah nichts. So setzte ich schließlich nur noch wenig Hoffnung in Versprechungen dieser Leute.

Man verliert offensichtlich das Gespür für ein Land und seine Menschen, wenn man in klimatisierten Büros und Autos sitzt und im Hubschrauber das Land von oben betrachtet. Es handelt sich übrigens um einen Hubschrauber, der erst nach Rücksprache mit Washington einen Krankentransport durchführen durfte. In dieser Zeit erlag der Patient seinem Leiden.

Mit den privaten Organisationen geht es oft nicht viel besser. Eine amerikanische NGO z. B., die sich zur Aufgabe gesetzt hat Kinder zu retten, gibt ihren gesamten Etat für Gebäude-, Personal- und Unterhaltungskosten aus und bittet uns um Medikamentenspenden. Darüber hinaus werden Kinder und Schwangere, die zu sterben drohen, eilig zu uns verlegt, damit die eigenen Statistiken sauber bleiben. Wenn so eine Organisation nicht einmal Babynahrung für den Notfall bereitstellen kann - wie will sie da ihrem Namen gerecht werden?

Die Hilfe der katholischen Kirche wird größtenteils am Bau von Kirchen sichtbar. Da lässt man aus Kostengründen gerne mal einen begonnenen Krankenhausbau ruhen. Allerdings leisten sie mit dem Bau und Unterhalt von Schulen der Bildung im Sudan einen guten Dienst. Ob die Motivation dabei rein altruistisch ist, bleibt zu fragen. Immerhin lassen sich junge Menschen leicht prägen und manche ungläubige Seele kann bekehrt werden.

Zurück zur Frage „Wie ist Afrika zu helfen und wer soll helfen?“
Mit Geld ist dem Kontinent nicht zu helfen. Das ist auch die These des Kenianers James Shikwati , Leiter des Instituts „Inter Region Economic Network“ in Nairobi. Ergänzen möchte ich sie durch die Aussage eines italienischen Priesters, den ich in Kenia kennen lernte und der seit 30 Jahren in Afrika lebt: „Lasst die Afrikaner endlich allein. Behandelt sie wirtschaftlich fair. Entweder schaffen sie es, oder sie werden untergehen. Ich kenne jedoch die Afrikaner. Sie sind stark und werden sich durchsetzen. Sie müssen nur endlich erwachsen werden.“

Das ist auch mein Fazit, nach einer, wie ich zugebe, relativ kurzen Zeit von vier Monaten. Würde unser kleines Krankenhaus an die Sudanesen übergeben, müssten sich die Verantwortlichen selbst darum kümmern. Einige der einheimischen Mitarbeiter haben gute klinische Erfahrungen, die anderen müssten weiter ausgebildet werden. Darauf könnten die Sudanesen aufbauen. Wenn die politisch Verantwortlichen sich dann immer noch nicht bewegen würden, käme sicher Druck von unten, denn die Menschen haben durch uns eine gute medizinische Versorgung kennen gelernt. Sollte es gewünscht werden, könnten westliche Mediziner in beratender Form tätig werden. Aktive medizinische Hilfe aber sollte kein deutscher Arzt mehr leisten.

Afrikaner bauen mittlerweile gute medizinische Ausbildungsinstitute auf, deren Studiengebühren sich jedoch nur wenige Afrikaner leisten können. Die Ausbildungskosten der Studenten könnte das Ausland übernehmen. Diese Mediziner blieben nach dem Abschluss ihres Studiums in ihrem Land - anders als die afrikanischen Studenten mit einem vollfinanzierten Auslandsstudium, die häufig nicht mehr in ihre Heimat zurück kehren.

Die bisherige Praxis der Entwicklungshilfe erscheint mir vielfach als Selbsthilfe für uns Westler. Ein gut dotierter Job in einem fremden Land macht Eindruck. Da es auf Resultate nicht allzu sehr ankommt, entsteht nur selten Stress bei der Arbeit. Kann man sogar noch die Familie mitnehmen, umso besser.

So wird für die Versorgung der Helfer viel Geld aufgewendet. Ein weiterer großer Teil fließt in die Kanäle der Korruption und erst der Rest geht an die Bedürftigen. Viele Organisationen verfolgen primär ihre Eigeninteressen. Es geht um Jobs, um Rohstoffe, um politischen Einfluss und beim Einzelnen auch ein wenig um die Stärkung des Selbstwertgefühls. Mit unserem Geld und unserem Wissen sind wir die Mächtigen - wir wissen, wie die Welt zu regieren ist. Wenn dieses Abhängigkeitsverhältnis so bestehen bleibt, wird nie ein Austausch zwischen Gleichen stattfinden.

Deshalb spreche ich mich für einen Stopp der Entwicklungshilfe in der derzeitigen Form aus und für die Öffnung der westlichen Märkte für afrikanische Waren. Dazu gehört auch die faire Bezahlung der Rohstoffe aus Afrika und Investitionen in die wirtschaftlichen Infrastrukturen vor Ort, damit auch eine Veredelung der Rohstoffe im eigenen Land erfolgen kann.

Für den medizinischen Bereich wünschte ich mir mehr Unterstützung von Seiten der Pharmaindustrie. Es gibt schon seit vielen Jahren kaum neue Medikamente zur Bekämpfung der häufigsten Tropenerkrankungen. Während auf HIV/AIDS geblickt wird, vergisst man zum Beispiel, dass jährlich eine Millionen Menschen an Malaria sterben. Innovationen für medikamentöse Therapien kommen – wenn überhaupt - vielfach aus der Veterinärmedizin. Unsere an Profit orientierte Industrie sieht im armen Afrika noch keine geeigneten Absatzmärkte.

Klar ist für mich: Afrika muss geholfen werden. Das geht aber nur, wenn wir die Menschen als Partner ernst nehmen und ihnen auf gleicher Stufe begegnen. Dabei müssen wir es ertragen, dass die Entwicklung des Kontinents und seiner Menschen Zeit braucht und nicht immer nach unseren Wünschen verläuft. Wir müssen den kulturellen Unterschieden, den klimatischen Problemen und sogar Katastrophen Tribut zollen. Gezielte Hilfe ist weiterhin notwendig und sinnvoll. Sie sollte jedoch nur in Form von Ausbildung geleistet werden, nicht länger durch aktive Mitarbeit von außen. Demokratische Strukturen lassen sich nur mit gebildeten Menschen aufbauen und pflegen. Mit Menschen, die dann vielleicht einen eigenen afrikanischen Weg finden, der anders sein darf als der Weg, den wir gegangen sind.

Sonntag, 6. Mai 2007

Abschied












Liebe Freunde,

jetzt sitze ich wohl an meinem letzten Sonntag in den Nuba Bergen vor dem PC und versuche meinen Abschied zu formulieren, was ich sehr schwer finde, denn es wird Zeit brauchen, all die Eindrücke zu verarbeiten.

Am Dienstag kommt der Geschäftsführer von Cap-Anamur mit meinem Nachfolger und einem zweiten Techniker, einige Tage später werde ich meinen Heimweg antreten. Das große Problem ist immer, einen Flug nach Kenia zu bekommen. So weiß ich nicht ganz genau, wann es losgehen wird.

Ich freue mich auf mein Zuhause, vor allem auf Renate, die mir doch sehr fehlt. Das ist zumin-
dest eine der Erkenntnisse: dass ich nicht mehr so lange in irgendwelche Projekte oder Arbeit gehen will.

Es ist auch klar geworden, dass ich mir in Zukunft Einsatzorte und eventuelle Organi-
sationen viel genauer ansehe, bevor ich eine Zusage gebe. Diese Erkenntnis hatte ich schon früher, habe sie aber durch meine eigene innere Unruhe verdrängt. Alle Organisationen, für die ich tätig war, haben sicher etwas Gutes im Sinn und sind motiviert in der Umsetzung ihrer Zielvorgaben. Sie helfen vielen Bedürftigen. Die Nachhaltigkeit und die Anleitung zur Selbsthilfe der Betroffenen tritt aber vielfach in den Hintergrund. So werden die ursprünglichen Ideen immer weniger bedacht, und manche Projekte laufen schließlich irgendwie um ihrer selbst willen. Konzepte verliert man aus den Augen, oder es gibt keine mehr. Auch das hat mir mein Einsatz mit Cap-Anamur gezeigt.

Erst wenn ich mir wieder sicher bin, was meine Ziele und mein Konzept für eine Arbeit in der Dritten Welt oder sonst wo sind, werde ich erneut aufbrechen. Ich habe eine Menge Ideen im Kopf, die ich mit Renate und guten Freunden besprechen möchte. Ich bin mir sicher, dass etwas Vernünftiges und Tragfähiges dabei heraus kommen wird. Es kann aber nicht sein, dass Organisationen oder Privatpersonen Aufgaben für einen Staat übernehmen, mit dem man sich noch nicht einmal identifizieren kann und dass die Repräsentanten solch eines Staates sich die Erfolge fremder Arbeit von ihrem Volk honorieren lassen. Wirkliche Veränderungen treten nur dann ein, wenn sie gewollt werden oder die Verantwortlichen sich dem Druck der Wähler oder Menschen beugen müssen. Mit so einer Arbeit, wie ich sie im Moment leiste, handle ich diesem Prozess zuwider, ich stütze ein falsches System.

Es wird dann natürlich immer wieder das Argument der Humanität und das Sich- Sorgen um die Menschen in die Waagschale geworfen. Aber machen wir uns doch nichts vor: die Welt geht auch ohne humanitäre Hilfe nicht unter. Sie wird nicht schön sein, solche Phasen dauern aber nicht unendlich, und die Welt erneuert sich auch von allein. Es ist immer wieder unser Ego, das uns vorgaukelt, nur wir könnten etwas verändern, nur wir könnten die Menschen retten. Wir können zwar Hilfe anbieten, wir können Liebe und Mitgefühl geben, den Rest muss aber jedes Individuum leisten, muss selbst entscheiden können, wie es leben will. So sehe ich immer mehr auf das Wohl der Kinder. Sie sind abhängig und können vielfach nicht selbst entscheiden. Ihnen muss man Entscheidungen abnehmen, ihnen muss man eine Chance geben gesund aufzuwachsen und Bildung zu erlangen. Das sind dann Startvoraussetzungen zu einem selbstbestimmten Leben. Vielleicht werden sich in diesem Bereich meine Energien und Bemühungen konzentrieren.

Des weiteren finde ich die Unterstützung von einzelnen Personen über einen kurzen Zeitraum sinnvoll. So habe ich hier in Lwere einen jungen Mann kennen und schätzen gelernt, der als eingearbeiteter Pfleger sehr selbstständig arbeitet und eine große Stütze des Projekts ist. Er hatte eine Ausbildung zum Clinical Officer angefangen, die er aus finanziellen Gründen jedoch abbrechen musste. Rotarier aus Hamburg haben sich nun bereit erklärt, die restlichen zwei Jahre zu finanzieren. Ich konnte ihm bei der Vermittlung des Stipendiums helfen, im Wissen, dass er heimatverbunden ist und nach Nuba zurückkehren wird. Er träumt davon beim Aufbau seines Landes sinnvoll zu helfen. Solche Menschen gilt es zu unterstützen. Große Aktionen und Projekte helfen häufig mehr dem Ego der Ausführenden, wenig bleibt für die Betroffenen.

Fazit: Ich komme ernüchtert, acht Kilo leichter, aber nicht unzufrieden heim. Ich habe eine Menge gelernt, über mich, was die Medizin betrifft, über Regierungen und Regierungs-
organisationen, NGO`s und die damit ver-
bundenen Strukturen. Da ich vielfach im Mangel leben musste, kann ich sicher viele der alltäg-
lichen Dinge zu Hause mehr wertschätzen, über die ich sonst nicht nachdenke, so zum Beispiel sauberes und ausreichend vorhandenes Wasser, gesunde Ernährung, funktionierende Kommuni-
kationsmöglichkeiten, sichere hygienische Verhältnisse und vor allem Freunde, die mir ganz wichtig sind. Ich freue mich darauf, Euch wieder zu sehen. Ich werde langsam ankommen und mich dann melden.

Euch allen noch eine schöne Zeit,

Euer Klaus

Montag, 30. April 2007

Veränderung der Lebensumstände in den Nuba Bergen


Erstmals wurden die Menschen in den Nuba Bergen durch Leni Riefenstahl bekannt, die in den 60er Jahren zwei hervorragende Bildbände erstellte. Über Google kann man auf die Homepage der verstorbenen Fotografin kommen und sich einen Eindruck vom romantischen Afrika der damaligen Zeit verschaffen.
Der Gründer von Cap-Anamur, Rupert Neudeck, schaffte es dann 1999 die Politiker Heiner Geißler und Norbert Blüm zu einem aben-
teuerlichen Fußmarsch in die Berge zu bewegen. Mit dieser Werbeaktion sollte auf die Problematik des Konflikts im Südsudan aufmerksam gemacht werden, was auch halbwegs gelang. In einem weniger geglückten Buch wurde die Romantik in den Nuba Bergen beschrieben und auch die freundlichen Menschen, die nur für Seife und Lebensmittel Lasten für das Krankenhaus herbeischafften.
Dann wurde der Bürgerkrieg heftiger und bis an das damalige Krankenhaus in Kauda herangetragen, es wurde sogar bombardiert.
Aus diesem Grunde wählte man die Berge um den Ort Lwere aus, wo Cap-Anamur seit dieser Zeit das einfache medizinische Zentrum betreibt, das schon lange die Funktion eines Bezirkskrankenhauses erfüllt.

Seit 2004 gibt es, nach 22 Jahren Krieg, einen tragfähigen Waffenstillstand zwischen der südsudanesischen Rebellenarmee (SPLA) und der Zentralregierung in Khartoum. 2011 soll in einem Referendum entschieden werden, ob sich das Land teilt oder der Sudan das flächenmäßig größte Land Afrikas bleibt. Einzig und allein finanzielle Erwägungen, hervor gerufen durch große Erdölfunde im Südsudan, haben die Parteien an den Verhandlungstisch gebracht und lassen den jetzigen Waffenstillstand zu. Nun haben die Kriegsparteien Zeit, das Öl zu fördern, Geld zu verdienen und wieder aufzurüsten. Erst nach 2011 wird sich zeigen, was dieser vorübergehende Frieden für eine Bedeutung hat. Das verbrecherische Regime in Khartoum kann inzwischen seinen Vernich-
tungsfeldzug in Dafour weiterführen, eben auch mit den neuen Geldmitteln.

Die Menschen in den Nuba Bergen versuchten zunächst einmal ihr Leben so weiter zu führen, wie sie es seit Jahrhunderten kannten, was aber immer schwerer wird. Die Armee hat zum ersten Mal Geld und zahlt einen regulären Sold. Plötzlich wollen alle jungen Männer Soldaten werden. Daher schickt man die Soldatinnen heim, große Umstrukturierungen finden statt. Das hereinkommende Geld verteuert zwangs-
läufig das Leben. Die kapitalistische Markt-
wirtschaft funktioniert perfekt. Da die Männer wieder regelmäßig zu Hause sind, steigt schnell die Bevölkerungszahl. Durch das Missverhältnis Männer zu Frauen (weniger Männer) und den muslimischen Glauben ist Polygamie zwangsläufig. Kinder dominieren das Bild in den Dörfern und machen die größte Zahl unserer Patienten aus.

Geld weckt Begehrlichkeiten, die Kriminalität steigt. Auch bei uns im Krankenhaus wird gestohlen, so z. B. ganze Betten mit Matratzen, OP Schuhe - ich operiere jetzt in Badelatschen - auch unsere Spendendosen werden von Patienten geplündert. Der Alkoholismus ist ein zunehmendes Problem, und damit verbunden steigen auch die Gewaltdelikte. Gestern musste ich einen jungen Mann nach einer Messer-
stecherei in ein anderes Krankenhaus verlegen. Die OP zum Stoppen der Blutung habe ich mir nicht zugetraut. Ob der Patient den Transport überlebt hat, weiß ich nicht. Mit dem Geld kommt die Prostitution, die Geschlechtskrank-
heiten und dann HIV/AIDS.

Durch die Verteuerung des Lebens müssen auch die Gehälter unseres Personals angehoben werden, was das Erfordernis zusätzlicher Geldmittel aus Deutschland bedeutet. Für Seife und Lebensmittel arbeitet heute niemand mehr. Noch haben wir genügend Personal, doch Cap-Anamur zahlt auf unterstem Niveau im Vergleich zu anderen NGOs. Gäbe es andere Alternativen für die Angestellten, würden sie diese sicher nutzen.

Am meisten Sorgen macht mir aber die Umwelt. Durch den Krieg wurde schon viel zerstört. Jetzt kommen immer mehr Flüchtlinge zurück in ihre Dörfer. Sie haben ein anderes Leben kennen gelernt, andere Menschen und Kulturen. Sie wollen nicht mehr in Lehmhütten wohnen. Sie roden die wenigen Bäume, um damit Öfen zur Ziegelgewinnung zu befeuern. So werden auch bald die tollen Affenbrotbäume diesem Vor-
gehen zum Opfer fallen. Sie erinnern mich, auch jetzt in der Trockenzeit, an die Urkraft, die dieser Kontinent einmal gehabt haben muss. Ich liebe Bäume und diese ganz besonders. Leider sehe ich sie nicht mehr im Grün, denn meine Abreise steht bald bevor. Ich hoffe aber, dass die Menschen selbst ein Einsehen haben oder vielleicht ihre Miniwerkzeuge den Bäumen nichts anhaben können. Irgendwann, vielleicht sogar bald, werden aber die Kettensägen anrücken, die alles klein bekommen.

So ist die Zeit der Romantik in den Nuba Bergen Vergangenheit. Ich hoffe, dass nicht nur mir diese Erkenntnis gedämmert ist, sondern auch den Verantwortlichen in den Organisationen und Regierungen. Die Menschen brauchen Hilfe, die angemessen ist. Wie man "angemessen" definiert, darüber kann man allerdings lange diskutieren.

Euch allen eine schöne Woche

Euer Klaus

Sonntag, 22. April 2007

Entwicklungsarbeit, Teil zwei












Gestern bekam ich eine sudanesische Zeitung mit dem klangvollen Namen Sudan Vision vom 17.April 2007 geschenkt. Darin fand ich den fotografierten Artikel, der mich sehr nachdenklich und später ärgerlich gemacht hat. Jetzt verstehe ich auch die Hektik, mit der offizielle Gesundheitsbeauftragte in unserer Region das Problem HIV/AIDS behandelt wissen wollen: es gibt 28,5 Millionen US Dollar vom Global Fund, von dem jeder etwas abbekommen will.

Vor etwa zwei Monaten wurde ich zu einem Meeting über das Thema HIV/AIDS vom Secretary of Health eingeladen. Es gab wenig Informatives, keine Daten oder nähere Auskünfte zu diesem Thema. Sie wollten aber unbedingt etwas initiieren, zumindest in die Aufklärung und Diagnostik einsteigen und baten mal wieder um Hilfe. Sie hatten keinerlei Konzept, und es sollte darauf hinauslaufen, dass die ausländischen Organisationen ihnen diese Arbeit abnehmen. Cap-Anamur ist die einzige medizinische Hilfsorganisation in der Region, mit anderen Worten: ich sollte es tun. Wenn ich damit begonnen hätte, wäre für jede weitere Tätigkeit keine Zeit mehr gewesen, außerdem finde ich andere Probleme weitaus wichtiger. So habe ich klar und deutlich gesagt, dass wir nicht helfen werden. Das hat von den Offiziellen niemand verstehen wollen.

Eine Woche später kam eine Delegation aus der Kreisstadt mit einer Wagenladung von Papier, Postern, Kondomen, HIV-Tests und vielen Formularen, damit unser Krankenhaus als HIV Anlaufstation beginnen sollte. Wir verstanden uns zunächst nicht, da ich nicht wusste, was sie von mir wollten, und sie verstanden nicht, dass ich so ablehnend war. Das Secretary of Health hatte ihnen geschrieben, dass es bei uns losgehen kann. So wurden sie echt böse mit mir, als ich sie mit all ihrem Kram wieder fortschickte und auch eine Unterschrift unter ein Formular in arabischer Sprache verweigerte.

Rückblickend wird mir jetzt Vieles klar. Sie wollten dem Global Fund nachweisen, dass sie aktiv sind, Zentren eingerichtet haben usw., damit sie dann dafür Geld bekommen. Dabei scheint es unerheblich zu sein, wie effektiv so ein Zentrum ist. Wenn man die Betreuung von HIV Kranken ernst nimmt, dann ist das ein enormer Aufwand, und es braucht eine Menge geschultes Personal. Das wollte man mal kurz am Wochenende ausbilden, wir sollten das Personal zahlen und die Räumlichkeiten zur Verfügung stellen. Durch viel Geld werden so immer wieder Begehrlichkeiten erzeugt, es wird irgendwie versucht, von dem Kuchen etwas abzube-
kommen. Statistiken werden gefälscht, alles wird immer positiv dargestellt. Die Geldgeber sind weit entfernt von jeglicher Kontrollmög-
lichkeit. So wird meiner Meinung nach sehr viel Geld von diesen 28,5 Millionen US Dollar in Ineffektivität und private Taschen fließen, so wie bei uns Medikamente aus der Apotheke verschwinden, weil nicht einmal ich in dieser kleinen Einheit genügend kontrollieren kann.

Das World Food Programm versorgt viele Menschen im Südsudan mit Grundnahrungs-
mitteln. Auch wir bekommen für unsere stationären Patienten diese Nahrung. Es wird genau vorgeschrieben, wie viel wir abgeben dürfen. Die Menge der verteilten Lebensmittel variiert je nach Patientenzahl. So haben wir im Moment genug Vorrat in unserem Lager. Gestern bekamen wir die Aufforderung, die nächste Lieferung abzuholen. Auf die Antwort, dass wir noch genug haben, antwortete man, das sei egal, wir sollten es jetzt holen, sonst gäbe es nichts mehr. Ihnen ist es egal, ob jetzt die Ratten sich den Bauch voll fressen, Hauptsache, die Statistik stimmt. Da sitzen die Jungs hinter ihrem Schreibtisch und unser Techniker muss die Säcke allein schleppen. Auch ein Beispiel dafür, wie wir Internationalen uns um alles kümmern. Wir sind diejenigen, die die praktische Arbeit machen und sich um ihre Leute bemühen, während sie in Ruhe zuschauen.

Es gibt im Sudan noch enorm viel zu tun. HIV/AIDS ist nur ein Problem, es gibt keine Infrastruktur, das Leben ist enorm schwer, nur: wir tun diesen Menschen keinen Gefallen damit, dass wir ihnen immer wieder Geld geben und auch bildlich gesprochen „die Säcke schleppen“. Solange fremde Menschen und vor allem weiße Menschen ihnen die Arbeit abnehmen, werden sie nie selbstständig. Jeder, der Kinder erzogen hat, weiß wovon ich rede. Wir internationalen Helfer behandeln die Afrikaner immer noch wie Kinder, denen wir eine Selbstständigkeit absprechen und sie benehmen sich auch entsprechend.
Das Hotel Mama verlassen in Deutschland viele der Kinder nicht mehr freiwillig, sie brauchen einen sanften Tritt. Dieser Tritt fehlt auch diesen Ländern und im Speziellen dem Südsudan. So erinnere ich mich immer wieder an meine erste Begegnung mit dem italienischen Pater und an das Verhalten von Renate mit ihren Kindern. Die Kinder in die eigene Verantwortung zu entlassen ist sicher nicht einfach, aber zwingend notwendig. Wichtig ist eine liebevolle Begleitung, da sein, wenn man gebraucht wird, es ertragen können, wenn mal etwas nicht so läuft, wie man es selbst machen würde, Fehler zulassen, die Kinder eigene Erfahrungen machen lassen und auf Gott vertrauen.

Wie ihr aus der Entwicklung meiner Berichte und meiner eigenen Person erkennen könnt, ändert sich meine Einstellung zu meiner Arbeit ein wenig. Es ist nur gut, dass auch ich mich in diesem Kontext kritischer sehe. Ich bringe eine Menge Diskussionsstoff mit nach Hause und würde mich freuen, wenn ich von Euch dazu auch Meinungen erfahren könnte.

So wie es aussieht, bin ich Mitte Mai wieder in Bremen. Ich habe das Büro in Köln um eine vorzeitige Ablösung gebeten.

Auf bald, Euer
Klaus

Donnerstag, 19. April 2007

Sinn und Unsinn von Entwicklungsarbeit












Jetzt bin ich seit drei Monaten in den Nuba Bergen für Cap-Anamur tätig und versuche seit zehn Jahren im Entwicklungsdienst meine Berufung zu finden. Abgeschirmt von allen westlichen Einflüssen, lebend unter extremen Bedingungen, keine Vergnügungen, kein Alkohol, Essen nur zur Nahrungsaufnahme, keinerlei Ablenkungen, dafür aber Zeit zum Spüren, Fühlen, Nachdenken, um vielleicht so langsam zu einigen Erkenntnissen zu kommen, die für meine Zukunft entscheidend sein könnten. Davon versuche ich heute etwas zu Papier zu bringen.

Bitte versteht meine Ausführungen als eine Momentaufnahme, die sich eventuell zu Hause, nach einiger Erholung von den Strapazen hier, wieder verändern und deutlich versöhnlicher ausfallen kann. Aber im Augenblick geben die nachfolgenden Sätze meinen Standpunkt so wieder, wie ich es erlebe.

Kurz gesagt, ob ich hier bin oder in China ein Sack Reis umfällt, wem nützt das? Ist diese Arbeit wirklich so entscheidend wichtig? Um diese Frage kreisen meine Gedanken schon seit einigen Wochen. Und damit meine ich nicht speziell dieses Projekt von Cap-Anamur, sondern die Entwicklungsarbeit in Organisa-
tionen im Allgemeinen. Vielleicht verdeutlicht sich meine Kritik und das damit verbundene Unwohlsein hier genauer. Ich erlebe hautnah, wie sich immer alles wiederholt, wie wenig nachhaltig die Arbeit hier ist und wie wenig des hohen finanziellen und persönlichen Aufwandes hängen bleibt. Es kommt mir wie ein großes Spiel vor, jeder nimmt sich und seine Person wichtiger als die Menschen, um die es sich eigentlich drehen sollte. Ich will mich da nicht ausschließen.

Die großen Organisationen brauchen die armen Menschen und Krisen, um sich eine eigene Rechtfertigung zu geben, um die Kosten belegen zu können, die ihr Apparat verursacht. Extrem sind die gesamten UN Unterorganisationen, mit denen ich täglich zu tun habe. Ich höre da manchmal nicht mehr hin, da ich mir nicht merken kann, was ihre Abkürzungen bedeuten, und was sie überhaupt wollen. Sie fahren in ihren klimatisierten Geländewagen herum, haben einen enormen Personalaufwand und kommen nie weiter als über ihre Planungsphase hinaus. Aktive Arbeiter habe ich bislang noch nicht kennen gelernt. Dann gibt es hier UN Polizisten, die nach der Friedensphase sudanesische Polizisten ausbilden sollen. Die wenigsten der sudanesischen Polizisten können lesen oder schreiben, allenfalls Arabisch. Englisch versteht niemand. Uniformen gibt es nicht, Ausweise fehlen ebenfalls. Solche Leute bekommen dann Computerunterricht. Die Ausbilder kommen aus Staaten, die es mit den Bürgerrechten nicht so richtig ernst nehmen, wie zum Beispiel aus der Türkei, Ruanda, Sri Lanka, Indien. Alles Staaten, die ihre Leute teuer an die UN verkaufen. Die ausländischen Polizisten ihrerseits kommen des Geldes wegen und sagen einem klar heraus, „die lernen es nie“.

Dann gibt es die Frommen, die aber viel prak-
tischer sind. Sie bilden ihre Leute wenigstens aus und versuchen ihnen damit eine bessere Beschäftigungsmöglichkeit zu verschaffen. Sie haben ziemlich viel Geld und gehen damit pragmatisch um. Sie machen keine Medizin, sondern kümmern sich darum, dass die Menschen gesund bleiben. Da gibt es Nachhaltigkeit, wenn, ja, wenn die Menschen es überhaupt wollen...

Manchmal denke ich, dass es immer noch wir Weiße sind, die den Menschen unsere Wert-
vorstellungen als die richtigen verkaufen wollen. Wir können das Leid ihres Lebens nicht ertragen und wollen ihnen helfen, damit wir uns besser fühlen können.
Leiden die Menschen in Lwere eigentlich wirklich? Wenn es Wasser gibt, ist das gut, gibt es keines, trinke und wasche ich mich halt nicht. Wir sagen: wie fürchterlich! und fangen an zu organisieren. Dann heißt es: oh, da gibt es ja Wasser! und sie stehen bei uns Schlange. Gibt es uns nicht, auch gut.

In diesem Kontext sehe ich mittlerweile unser Krankenhaus und meine Arbeit. Wenn ein Arzt da ist, dann geht man dort hin und lässt sich untersuchen. Es könnte ja was umsonst geben. Er ist kein Chirurg? Nun gut, dann wartet man eben, bis einer kommt. Das Krankenhaus kann nicht helfen? Dann geht man halt wieder, der Kranke kann besser zu Hause sterben.

Sicher konnte ich einzelnen Menschen helfen und vielleicht auch das eine oder andere Leben retten, was aus Sicht der Nächstenliebe schon genug ist und mein Hiersein rechtfertigt, nur: mir reicht das nicht mehr. Ich weiß, dass die Menschen hier leben und sterben, und es ist völlig unerheblich , ob es mich gibt oder irgend jemand anderen. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich wirklich willkommen bin. Letztlich wundert es mich auch nicht, da ich mich selbst angeboten habe und sie wissen, dass die Deutschen kom-
men und gehen. Wenn mal keine mehr kommen, geht das Leben auch weiter. Ich glaube, dass da der entscheidende Punkt zu suchen ist. Den Menschen ist es völlig egal, aus welchen Motiven man hier ist, die Hauptsache ist die, dass sie etwas abbekommen. Davon versuchen sie soviel abzugreifen, wie sie nur bekommen können. Auf staatlicher Ebene in extremem Maße, die Korruption - auf niedriger Ebene mit verdeckten Geschenken oder Betrug und Diebstahl - wird nicht einmal verdeckt. Wir Helfer kommen mit hehren Vorstellungen hierher, in diese Welt, die keiner von uns versteht. Und da ist es unerheb-
lich, ob ich in Afrika oder Asien bin. Es geht mit der Sprache los, nicht bestehendem Kultur-
verständnis und einer Unkenntnis der Macht-
strukturen in den Gastländern.

Dazu kommt, dass man häufig auch nicht die Führungsstrukturen in den Organisationen kennt, für die man arbeitet, was man sich dann aber selbst zurechnen muss. Es treten Konflikte auf, die einem die Arbeit zusätzlich erschweren können. Wenige Organisationen werden wirklich professionell geführt, was für eine gute Arbeit und Nachhaltigkeit der Arbeit wichtig wäre. Ich spreche da von Organisationen, die eine gewisse Größe angenommen haben. Sie versuchen dann, den Laden irgendwie am Laufen zu halten. Da ist es letztendlich auch egal, wer im Moment unterwegs ist.
Ich glaube, dass ich für keine Organisation mehr zu haben sein werde. Welche Konsequenz das letztendlich haben wird, kann ich im Moment nicht sagen. Es bedarf weiterer Überlegungen, Gespräche mit Renate, die mir jetzt besonders fehlt.

Meine wichtigste Einsicht ist die, dass man gebeten werden sollte und dass man sich und den anderen die nötige Zeit und Ruhe lässt, um dann etwas Nachhaltiges ins Leben zu rufen. Da denke ich nicht unbedingt an ein medizinisches Projekt. Im Vordergrund sollte eine prophylak-
tische Arbeit stehen: Bildung, die Emanzipation der Armen und im Speziellen die Emanzipation der Frauen in den Dritt-Welt-Ländern. Kleine, individuelle Projekte, die von Betroffenen selbst geführt werden, könnten für mich eine Lösung sein. Wir weißen, reichen, ach so klugen Menschen sollten uns weitestgehend aus der Gleichung heraus nehmen. Sind unsere Motive immer so lauter, wie wir es von uns denken? Wollen wir nicht auch mehr bekommen als wir bereit sind zu geben?

Euch einen schönen Frühling,
ein nachdenklicher Klaus

Sonntag, 15. April 2007

Local treatment













Ich hatte gerade ein sehr langes Gespräch mit UN- und zwei sudanesischen Polizisten. Der Grund sind unverhältnismäßig viele Todesfälle von Kindern und einigen Erwachsenen, die von traditionellen Heilern irgendwelche Wurzelsäfte zu trinken bekommen, an denen sie nach etwa drei Tagen schwer erkranken und nicht therapierbar versterben. Es ist nicht heraus-
zubekommen, wo die Medizin verabreicht wird und wer es tut. Die Eltern verneinen zuerst immer die Frage nach „local treatment“, erst wenn man heftiger wird, bekommt man verlässlichere Auskünfte.

So habe ich in den letzten drei Monaten sechs sterbende Kinder gebracht bekommen.
Symptome: hohes Fieber, das auch kaum auf Paracetamol reagiert, eingeschränkte Atmung, die wie eine schwere Pneumonie imponiert, dann zerebrales Koma, in dem die Kinder dann auch versterben. Wenn es länger dauert, ist ein Nierenversagen die Todesursache.
Alles, was ich versucht habe, blieb stets erfolglos, ich habe keinen Patienten retten können. Es ist sicher ein Dosis/Wirkungs-
problem, da in dieser Schwere fast nur Kinder betroffen sind und mir auch nicht klar ist, wie viele Kinder nach so einer Behandlung zu Hause sterben.

Mit unterschiedlichen Erkrankungen suchen die Menschen traditionelle Heiler auf. Ich weiß nichts über die Ausbildung oder Qualifikation dieser Medizin praktizierenden Nubier. Sie arbeiten sehr im Verborgenen und werden nie mit Namen genannt, sie wollen keine Kontakte zu Ärzten. Ich sehe nur die Auswirkungen ihrer Medizin, dann, wenn die Kranken zu uns kommen oder gebracht werden.

Die traditionelle Medizin ist eher eine brachiale und hat wenig mit dem zu tun, was ich von der Arbeit von Schamanen in Asien gesehen habe. Außerdem lassen sie sich ordentlich bezahlen, was die Familien der Kranken mitunter sehr belastet.

Gegen Durchfall entfernt man zum Beispiel die Eckzähne, gegen Gelbsucht (am ehesten Hepatits A oder E, eine selbst limitierende Virusinfektion) brennen sie über der Leber oder verletzen die Haut in anderer Weise. So findet man fast bei jedem Patienten irgendwelche Narben im rechten Abdominalbereich. Wo immer es weh getan hat, findet man solche Narben.

Ich bin sicher kein Gegner einer traditionellen Medizin, sondern fand es immer spannend mich mit diesen Heilern zu unterhalten und auch von ihnen zu lernen. Ich halte diese Form der über-
lieferten Medizin jedoch für so tödlich und verstümmelnd, dass ich mich entschlossen habe, offizielle Wege zu gehen, damit das Problem bekannt wird und die Menschen wissen, was sie sich und ihren Kindern antun, denn es scheint niemand daran gelegen zu sein, diesen Men-
schen das Handwerk zu legen oder zumindest mit ihnen zu reden. Die örtlichen Gesundheits-
verantwortlichen kümmern sich nicht um das Problem, sie sind eher an Statistiken interessiert, mit denen sie in den Ministerien dann angeben können, mit Leistungen, an denen sie nie mitgewirkt haben. (Werde ich nach solchen Daten gefragt, wende ich den suda-
nesischen Weg der Verweigerung an, indem ich ihnen sage: „Sorry, our printer is not working, but you can have a CD“ in der Kenntnis, dass sie keinen Rechner besitzen. Das ist aber ein anderes Thema.)

Das Bild zeigt Euch die Kinder, die primär gefährdet sind. Sie leben in Dörfern, die weit von uns entfernt liegen. Die Eltern gehen dann zu diesen Heilern in Ermangelung anderer Alternativen, es ist aber in vielen Fällen eine tödliche oder sehr schmerzhafte Alternative.

Ich grüße alle und hoffe, dass der Frühling Euch mehr Licht und Wärme bringt. Hier habe ich genug davon und sehne, wie alle Menschen um mich herum, die Regenzeit herbei. Alle Brunnen um uns herum sind trocken, und wir holen unser Wasser täglich aus einem Ort, vierzig Minuten mit dem Auto entfernt. Unsere Nachbarn müssen das zu Fuß erledigen.

Noch ein Nachtrag: gestern musste ich den 10. Kaiserschnitt durchführen, als Krönung gab es eine Sterilisation dazu, die für mich wiederum die erste war.

Bis zum nächsten Mal
Euer Klaus